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Juden in Rohrbach

Vortrag von Claudia Rink zur Gedenkveranstaltung zur Zerstörung der Synagoge
10. November 2014.

Mit den Pogromen vom 9. und 10. November 1938 begann die systematische in den Holocaust mündende Verfolgung der europäischen Juden. Dies ist heute für uns Anlass einen Blick zurück zu werfen auf Jahrhunderte jüdischen Lebens in Rohrbach. 

Sichere Hinweise auf jüdische Einwohner in Rohrbach findet man erst am Ende des 17. Jahrhunderts. Einer Steuererhebungsliste des Jahres 1689 entnehmen wir den Namen des Juden Moses Mayer, der zusammen mit seiner Frau, seinen 7 Kindern und einem Knecht vor den marodierenden Truppen Ludwigs XIV. von Rohrbach nach Heidelberg geflüchtet war.

In der Zeit des Wiederaufbaus nach den Zerstörungen des Pfälzischen Erbfolgekriegs siedelten sich wieder Juden in Rohrbach an. Wie überall in der Kurpfalz waren Juden auch hier immer noch nur geduldete Schutzbürger, auf deren wirtschaftliche Kraft man nicht verzichten wollte. Die Ausübung eines Handwerks, die Arbeit in der Landwirtschaft sowie eine akademische Laufbahn waren ihnen lange verwehrt, nur der Handel und der Geldverleih standen als Erwerbsmöglichkeiten offen. In den Quellen dieser Zeit, so z.B. auch in den Rohrbacher Geburtsregistern werden sie als „Handelsjuden“ bezeichnet.

Ein grundlegender Wandel ihrer Situation trat nach dem Übergang der Kurpfalz an die Markgrafschaft Baden ein, als man ihnen mit Erlass der Konstitutionsedikte von 1808 und 1809 staatsbürgerliche Rechte zuerkannte, ihre Religionsgemeinschaft eine gesetzliche Verfassung erhielt, das Schulwesen neugeordnet, Familiennamen eingeführt und neue Bestimmungen zur Berufsausbildung festgeschrieben wurden.

Durch die Geburtsregister, die seit 1811 auch für die israelitische Gemeinde Rohrbachs geführt wurden, sind uns die Namen der hier lebenden jüdischen Familien bekannt. Es sind die Familien Liebhold, Mayer, Hirsch und Wolff, die Familien Seligmann, Sontheimer und Metzger, sowie Billigheimer, Gutmann, Bär, David und Lobmann. Sie bestimmten über viele Generationen das Rohrbacher Leben mit. Ihre Berufe begannen sich im Laufe des 19. Jahrhunderts denen der christlichen Bevölkerung anzugleichen. Sie waren mittlerweile Metzger und Bäcker, Schuhmacher, Schreiner und Schneider, Krämer, Ackersleute und Lehrer, sie übten Tätigkeiten aus, wie sie in jeder Dorfgemeinschaft nötig waren. Für religiöse Aufgaben der Gemeinde waren Lehrer wie Moses Aaron, Israel Fränckel, Noah Brada, Samuel Wolf Schwarz, Nathan Steiner oder Isaac Billigheimer angestellt, die häufig auch als Vorbeter und Schächter tätig waren oder das Amt des Synagogendieners ausübten.

Einen mit rund 7,5 % relativ hohen jüdischen Bevölkerungsanteil, verzeichnete Rohrbach 1861. Damals lebten 117 Juden in der Gemeinde. Bis zur Jahrhundertwende nahm die Anzahl jedoch ab - eine Folge der Emanzipation und der Gleichstellungsgesetze von 1862. Wie überall zog man in die Städte, die Geburtenrate nahm ab, das Bildungsniveau stieg, die jüdischen Landgemeinden wurden kleiner oder lösten sich ganz auf.

1842 bekam Rohrbach endlich nach jahrelangem Briefwechsel mit dem Großherzoglichen Oberamt Heidelberg den Bau einer Synagoge bewilligt. Der Standort der Synagoge im Zentrum, direkt neben dem Rathaus, ist erstaunlich. Andererseits war es die Rathausstraße, damals Hauptstraße, in der sich die Juden seit Anfang des 18. Jahrhunderts ansiedelten. Auch das bis dahin benutzte Betzimmer im Haus von Nathan Wolff, welches bereits dessen Vater Joel der jüdischen Gemeinde zur Verfügung stellte, befand sich in dieser Straße. Ebenso stand hier die Mikwe, die in den Quellen als „jüdisches Frauenbad“ bezeichnet wird. Der Schulunterricht fand in der Synagoge statt. Auch gab es im Ort eine Straße, die nach ihnen benannt war, die Judengasse, heute Weingasse, vielleicht haben sich die ersten Juden in dieser Gasse angesiedelt. Im 19. Jh. sind dort keine mehr nachweisbar.

Wie sehr die jüdischen Bürger integriert waren, zeigt auch die Gründung zweier Tabakfabriken mitten im Ort, die die Brüder Liebhold und die Brüder Maier 1869 in der Rathausstr. 25 und 44 eröffneten. Im Februar 1894 feierten beide zusammen ihr 25-jähriges Firmenjubiläum „in festlich geschmückten Arbeitssälen der Fabrik“. Es gab Reden und Ehrungen. Mit Musikkapelle und Fackelzug zog man durch die „festlich dekorirten Straßen Rohrbachs“ und in den hiesigen Gaststätten wurden die Arbeiter bewirtet. Es sei „wohlthuend“ gewesen „zu beobachten, welch harmonisches Einvernehmen zwischen Arbeitgebern, Arbeitern, den Einwohnern und der Ortsbehörde bestanden habe, hieß es dazu in der Tageszeitung. Beide Familien verlegten um 1900 die Firmensitze nach Heidelberg, in Rohrbach blieben Filialen. Wie wichtig diese Unternehmen für das Rohrbacher und regionale Wirtschaftsleben waren, belegen die Zahlen. Die Gesamtzahl der Beschäftigten beider Firmen zusammen betrug in den 1920er-Jahren fast 2000 Arbeiter. 1939 mussten beide Familien ihre Firmen verkaufen. Die Familie Maier emigrierte 1938 in die USA. Michael Liebhold wurde vom 11. Nov. bis 20. Dez. 1938 in Dachau interniert. Er verstarb wenige Tage nach seiner Freilassung, am 27. Dez. 1938, an den dort erlittenen Misshandlungen.

Zwischen 1933 und 1945 lebten und arbeiteten 63 jüdische Bürger in Rohrbach. Welch unfassbares Leid ihnen in der NS-Zeit zugefügt wurde, soll hier exemplarisch an einigen Schicksalen aufgezeigt werden. Manche von ihnen wohnten längst nicht mehr in Rohrbach, wie die Liebholds und Mayers, waren aber immer noch durch ihr unternehmerisches Engagement mit Rohrbach verbunden, andere lebten nie hier, haben aber beruflich Rohrbach geprägt, wie der Arzt Albert Fraenkel, Mitbegründer des Tuberkulose-Krankenhauses Rohrbach, heute „Thoraxklinik“, der 1933 seine Lehrbefugnis verlor, all seiner Ämter enthoben wurde und 1938 seine Approbation entzogen bekam.

Beklemmende Bilder gibt es von der Reichspogromnacht, als nach der Verwüstung der Synagoge in der Heidelberger Altstadt Angehörige des SA-Studentensturms nach Rohrbach zogen, um am nächsten Morgen hier ihr Verwüstungswerk fortzusetzen. Die Tür wurde eingeschlagen, Bänke zertrümmert, Bücher aufgeschichtet und in Brand gesteckt. Die Rohrbacher Feuerwehr war frühzeitig vor Ort, jedoch nur um die Nachbarhäuser vorm Übergreifen der Flammen zu schützen. Fotos belegen die Tat. Seit 1985 erinnert ein Gedenkstein mit der hebräischen Inschrift „chai“ zu deutsch „leben“ daran, dass hier die Synagoge stand.

Das Geschäft des Bäckermeisters Sigmund Beer, der in der Rathausstraße 64 eine Nudel- und Matzenfabrikation betrieb, – den Rohrbachern als „Nudel-Beer“ ein Begriff –, wurde in der Reichspogromnacht verwüstet. Zeitzeugen konnten sich an die ausgeleerten Mehlsäcke auf der Straße erinnern. Sigmund Beer wurde am nächsten Tag mit 75 Heidelberger Juden in das KZ Dachau deportiert. Es folgte die Zwangsversteigerung seines Hauses, sein Geschäft, seit 1933 boykottiert wurde liquidiert – und seit Mai 1939 mussten die Eheleute in einem sogenannten Judenhaus am Marktplatz 7 wohnen. Dies war eine der 17 Sammelunterkünfte in Heidelberg, in der die aus ihren Häusern vertriebenen jüdischen Bürger zwangsweise einquartiert wurden. Von dort wurden Sigmund und Berta Beer am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert. Am 10. August 1942 wurden sie nach Auschwitz verschleppt und ermordet. Dem 18-jährigen Sohn Ernst Berthold gelang noch rechtzeitig die Flucht. Er emigrierte am 20. Sept. 1938, 6 Wochen vor der Reichspogromnacht, in die USA.

In Rohrbach wurde das Haus der Familie Kahn in der Karlsruher Straße 19 zu solch einem „Judenhaus“. Hier wohnten die Schwestern Else und Karoline Kahn, seit 1939 auch ihr Bruder Anselm Kahn und dessen Ehefrau Clementine. Einquartiert wurden die Frauen Gertrud Kristeller, Rosa Lebach und Frieda Mayer. Anselm Kahn konnte mit seiner Frau noch rechtzeitig emigrieren, die fünf Frauen wurden am 22. Okt. 1940 nach Gurs deportiert, keine von ihnen überlebte.

Wie sehr Juden bis 1933 in das Gemeindeleben integriert gewesen waren, belegt ein Nachkomme des 1830 in Rohrbach geb. Rafael Hirsch Maier. Seine Familie wohnte in dem Haus direkt neben der Synagoge, Rathausstraße 41. Der Kaufmann Karl Maier, verheiratet mit Berta Hahn aus Sinsheim, war über 30 Jahre bis 1934 1. Kommandant der freiwilligen Feuerwehr in Rohrbach. Ihre drei Töchter Irma Luise, Johanna und Ruth Sofie besuchten das Realgymnasium in Heidelberg. Den bereits 1934 nach Argentinien emigrierten Töchtern folgten schließlich die Eltern 1938 nach 

Dr. Elisabeth Kaufmann-Bühler, geb. Schönflies, jüdische Ehefrau des Studienrats Dr. Erich Kaufmann-Bühler, die lange Zeit den fragwürdigen Schutz einer sog. privilegierten Mischehe genoss, wurde beim letzten noch durchgeführten Transport am 14. Februar 1945 mit zwanzig anderen Heidelberger Juden nach Theresienstadt deportiert. Die Familie wohnte in der Karlsruher Straße 56. Sie hatte fünf Kinder, eines davon noch im Babyalter. Die Söhne im Schulalter waren längst vom Schulbesuch ausgeschlossen. Zwei der Kinder wurden mit einem Kindertransport nach England geschickt, um der Isolierung und der sozialen Ausgrenzung sowie der Vernichtung zu entkommen. Die Emigration der zurückgebliebenen Familie scheiterte an der hohen „Reichsfluchtsteuer“. Der älteste Sohn starb in England, 13-jährig, an einer Sepsis. Über ihre Zeit in Theresienstadt schreibt Elisabeth Kaufmann-Bühlers Sohn Werner. „Sie wurde zu Arbeiten in der winterlichen Kälte eingesetzt, insbesondere zum Wasserschleppen, zum Putzen und zum Kleidersortieren, Kleider, die in menschenleeren Zügen aus den Vernichtungslagern nach Theresienstadt zurückbefördert worden waren.“ Auschwitz blieb ihr dank des nahen Kriegsendes, wenn auch von den erlittenen Qualen schwer gezeichnet, erspart.

Wir wollen uns heute erinnern an die jüdische Bevölkerung, die über Jahrhunderte hier in Rohrbach beheimatet war. An die jüdischen Menschen, die hier ihre nachbarschaftlichen und freundschaftlichen Beziehungen gelebt haben, seit Generationen integriert waren, sich dazugehörig fühlten, bis ein totalitäres Regime dem ein Ende setzte.

Wir gedenken der jüdischen Bürger, die ins Exil getrieben wurden und der Menschen, die der Deportation und Ermordung nicht entkamen.